Das Lebenswerk von Jules Isaac

Von Dr. Petra Heldt, Jerusalem, Direktorin der Ökumenisch-Theologischen Forschungsgemeinschaft in Israel

Seelisberg: Offenlegen antisemitischer Lehren in der KircheLaure und ihre beiden Kinder wurden auf die Viehwagen nach Auschwitz gestoßen. Es war Oktober 1943, Riom, Südfrankreich. Heimlich schrieb Laure einen Zettel an Jules:

„Rette Dich um Deiner  Arbeit willen; die Welt wartet darauf.“

Gebrochenen Herzens über die Ermordung seiner Frau klammerte sich Jules an jene Worte.
(Foto: Petra Heldt, privat)

Die Forschungen des Jules Isaac
Jules Isaac (1877 – 1963) war ein französisch-jüdischer Historiker. Die Dreyfus-Affäre (1894 – 1906) brachte ihn dazu, die Wurzeln des Antisemitismus zu erforschen. Er fand heraus, dass die Standard-Erklärung – die Evangelien seien antisemitisch – falsch war. Der Forscher stellte fest, dass die Kommentare zum Neuen Testament, verfasst von katholischen und protestantischen Gelehrten, ein falsches und verzerrtes Bild der Beziehungen Jesu zu den Juden vermittelten.

Jahrhunderte lang wurden diese falschen Interpretationen in Büchern und Fußnoten, in Predigten und Katechesen, in Sonntagsschulen und Seminaren verbreitet. Professor Isaac legte dar, dass diese tendenziösen Werke mehr als alles andere für antisemitische Haltungen und Handlungen von Christen verantwortlich seien. Diese Schriften waren die Ursache, dass die Bibel zur Karikatur wurde. Nicht das Christentum war es, das Jules Isaac als antisemitisch erkannte, sondern die unverantwortliche Manipulation des christlichen Glaubens durch arrogante Lehre, die grausames Leid über das jüdische Volk gebracht hat.

Jules und Laure Isaac setzten ihre Arbeit auf der Flucht fort, während sie sich in Bauernhöfen und Behelfsquartieren in Vichy-Frankreich versteckten. „Ich sah meine Arbeit“, sagte Jules Isaac, „als einen Kampf für das verwundete Israel und für  Brüderlichkeit gegen den Hass. Ich hatte eine Aufgabe zu erfüllen. Es war eine heilige Mission.“

Jesus und Israel
Jules Isaacs Arbeit „Jésus et Israël“ erschien 1947, inmitten der Zeit, in der nach und nach das ganze Ausmaß des Holocaust offenbar wurde. Die Wirkung des Buches auf Laien und Theologen war groß. Im Sommer 1947 traf der verwitwete Gelehrte mit einer Gruppe hervorragender  jüdischer und christlicher Intellektueller zusammen und überreichte  ihnen ein 18-Punkte-Programm zur Säuberung der christlichen Lehre im Hinblick auf Juden und Judentum. Im August 1947 studierte die Internationale Konferenz von Juden und Christen in Seelisberg (Schweiz) diese Empfehlungen. Nach dem Studium über die Ursprünge des christlichen Antisemitismus veröffentlichtedie Konferenz ihre abschließende Erklärung  – die Zehn SeelisbergerThesen. Das Dokument war eine verkürzte Fassung der 18 Punkte. Die Einfachheit und Klarheit der Thesen hat Generationen von Lehrenden bis zum heutigen Tag den Weg gewiesen.

Zehn Thesen von Seelisberg
Die Zehn Thesen von Seelisberg  geben 4 Punkte zum Erinnern und 6 zum Vermeiden.

 Zu erinnern:

  1. dass der gleiche Gott spricht im Alten wie im Neuen Testament;
  2. dass Jesus von einer jüdischen Mutter geboren wurde aus dem Stamm Davids und dass seine Liebe und Vergebung sein Volk Israel und die ganze Welt umfasst;
  3. die ersten Jünger, Apostel und Märtyrer waren Juden;
  4. das christliche Gebot, Gott und seinen Nächsten zu lieben, stammt aus dem Alten Testament, wird durch Jesus bestätigt und ist für Juden und Christen unter allen Umständen bindend.

 Zu vermeiden:

  1. die verzerrte Darstellung des biblischen und nachbiblischen Judentums mit der Absicht, das Christentum zu überhöhen;
  2. den Gebrauch des Wortes „Jude“, als wären damit nur die Feinde Jesu gemeint;
  3. die Darstellung der Passionsgeschichte, als ob alle Juden und nur Juden Jesus getötet hätten. [In Wirklichkeit verlangte eine kleine Gruppe jüdischer Obersten Jesu Tod, aber die römischen Herrscher töteten ihn  – „die christliche Botschaft besagte immer, dass die Sünden der Menschheit durch diese jüdischen Obersten beispielhaft verkörpert wurden und dass die Sünden, die alle Menschen teilen, es waren, die Jesus ans Kreuz gebracht haben.“];
  4. die Erwähnung der „Flüche in der Schrift“ oder „der Schrei des aufgebrachten Mobs: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ ohne zu bedenken, dass dieser Schrei letztlich viel weniger  zählt als die unendlich gewichtigeren Worten unseres Herrn: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“;
  5. die abergläubische Bemerkung, das jüdische Volk sei zum Leiden geboren,
  6. „von Juden zu sprechen als ob die Mitglieder der Kirche nicht auch Juden gewesen seien“.

Unterstützung durch B’naiB’rith
Von Anfang an unterstützte die internationale jüdische Organisation  B’naiB’rith Jules Isaac in seiner Vision, die Beziehungen zwischen Juden und Christen zu verbessern. B’naiB’rith spielte eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung der Studien von Professor Isaac in die Öffentlichkeit und  bei der Förderung der Seelisberger Thesen. Heute noch immer fördert  B’naiB’rith gute Beziehungen zwischen Juden und Christen. Das drückt sich auch aus in ihrem  Interesse an der Arbeit der Ökumenischen Fraternität, die seit ihrer Gründung im Jahre 1966 den Seelisberger Lehrgrundsätzen verpflichtet ist und sich bis heute für deren Verbreitung in Kirchen einsetzt.

Einladung vom Papst
1949 lud Papst Pius XII Jules Isaac ein, über Teile der katholischen Karfreitagsliturgie zu diskutieren. Ein besonderes Thema war die neue englische Übersetzung der lateinischen Worte im Karfreitagsgebet pro perfidisjudaeis als „für die untreuen Juden“. Isaac hielt daran fest, dass, obwohl die neue Formulierung milder war als das lateinische Original, diese doch nicht zustimmungswürdig war. Er schlug vor, den Satz zu streichen, weil er bei denen, die noch die lateinische Version gebrauchten, die antisemitischen Konnotationen wiederaufleben lassen würde.

1958 strich Papst Johannes XXIII schließlich das Wort perfidis, sowohl in der lateinischen als auch in den jeweiligen landessprachlichen Ausgaben, und fuhr fort, andere Vorurteile aus der Liturgie und der Lehre der katholischen Kirche zu entfernen. In einer Privataudienz 1960 erwähnte Prof. Isaac gegenüber dem Pontifex, dass trotz so vieler Umkehrungen in der persönlichen Haltung von Katholiken gegenüber Juden das Kirchenoberhaupt die Verdammung der Lehre von der Verachtung nicht ein für alle Mal öffentlich ausgesprochen habe.

Das Zweite Vatikanische Konzil
Der „gute Papst“ Johannes XXIII versammelte die katholische Kirchenleitung zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Die Beziehung der Kirche zum jüdischen Volk stand ganz oben auf der Agenda. Ursprünglich wollte das Konzil ein eigenständiges Dokument zu den Beziehungen mit den Juden. Aber am Ende, vor allem wegen der arabischen Intervention, musste ein solcher Text ans Ende der „Erklärung über die Beziehungen der Kirche zu den Nicht-Christen“ gesetzt werden und erschien in ausgedünnter Form als Note 4, bekannt als Nostra Aetate, im Jahr 1965.

Dieser strukturelle Rahmen nahm dem jüdisch-christlichen Dialog den Status einer einzigartigen (sui generis) Materie und stellte ihn in den Kontext des interreligiösen Dialogs. Nostra Aetate öffnete die Tür, das Judentum in das Milieu der nichtchristlichen Religionen abzuschieben. Dieser Ansatz  wurde begrüßt von denen, die die religiöse Bedeutung des jüdisch-christlichen Dialogs verändern wollten hin zu Themen von Menschenrechten, Befreiungstheologie und politischen Alternativen zur israelischen Politik. Die Seelisberg-Befürworter warnten vor dieser Änderung und betonten die Notwendigkeit weiterer exklusiver Studien zur Beziehung zwischen der Kirche und Israel.

Interreligiöser Dialog verdrängt Bekämpfung des Antisemitismus
Seit Jahrzehnten nun zieht der interreligiöse Dialog die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich und verdrängte die anspruchsvollere Notwendigkeit, die Beziehungen von Juden und Christen zu studieren. Die Auswirkungen dieser Vernachlässigung waren vorhersehbar. Viele historische Kirchen unterhalten heute kaum ein Programm zur Prävention und Bekämpfung von Antisemitismus. Im Gegenteil, zahlreiche Kirchenführer sind  Formen anti-israelischer Substitutionstheologie häufig nicht abgeneigt.

Im dritten Jahrtausend dämpft Antisemitismus – wieder – die Stimmen in der Kirche, die die Herkunft Jesu aus dem Judentum betonen: geboren von einer jüdischen Mutter im jüdischen Land. Stattdessen erklären zahlreiche kirchliche Institutionen, Jesus sei der erste Palästinenser, geboren von einer palästinensischen Frau in einem Land, das Palästina genannt wird. Wie in den Zeiten vor Seelisberg und Nostra Aetate erscheint die Substitutionstheologie in pseudo-theologischem Gewand und wird mit entsprechender Ikonografie erklärt. Man sollte denken, dass solche grotesken und beleidigenden Darstellungen durch Kirchenführer zurückgewiesen würden. Dem ist nicht so.

Es ist Zeit, sich wieder auf Seelisberg zu besinnen, denn „Für Brüderlichkeit gegen Hass“,  wie Jules Isaac sagte, ist „eine heilige Mission“.

Dr. Petra Heldt wurde Ende Januar 2013 von der Knesset, dem israelischen Parlament, ausgezeichnet. Sie macht sich seit Jahren für die Unterstützung Israels unter den historischen Kirchen im Heiligen Land stark.

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