Bibelbetrachtung

Von:  Dr. Jürgen Bühler, ICEJ-Präsident
Veröffentlicht am:  5. Juli 2021

„Ja, Elia kommt und wird alles zurechtbringen.“ (Matthäus 17,11)

Foto: Elia auf dem Berg Karmel, Symbolbild



Elia wird kommen

Für viele – Juden wie Christen – ist Elia der bedeutendste Prophet, der je in Israel gewirkt hat. Elia ist der am häufigsten im Neuen Testament erwähnte Prophet. Als Jesus auf dem Berg verklärt wurde, erschienen Mose und Elia und sprachen mit ihm von seinem „Weggang“ (Lukas 9,31). Es ist bis heute eine der großen Erwartungen im Judentum, dass Elia als der Wegbereiter des Messias kommen wird. Gott selbst verkündet durch den Propheten Maleachi: „Siehe, ich will euch senden den Propheten Elia, ehe der große und schreckliche Tag des HERRN kommt.“ (Maleachi 3,23) Bei jedem Sederabend, dem Auftakt des Passahfestes, wird deshalb ein Stuhl für Elia freigehalten. So ist es nicht verwunderlich, dass Johannes der Täufer und Jesus von vielen für Elia, der da kommen sollte, gehalten wurden (Lukas 9,19; Johannes 1,21).

Als der Engel Gabriel Zacharias im Tempel erschien und ihm die Geburt seines Sohnes (Johannes der Täufer) ankündigte, teilte er dem überwältigten Priester mit, dass sein Sohn dem Messias „im Geist und in der Kraft des Elia“ (Lukas 1,17) vorangehen werde. Jesus selbst bestätigte die alte Tradition vom Kommen Elias. Als er vom Berg der Verklärung zurückkehrte, fragten seine Jünger ihn nach der alten Elia-Tradition. Jesus antwortete klar: „Elia kommt zwar und wird alle Dinge wiederherstellen. Ich sage euch aber, dass Elia schon gekommen ist, und sie haben ihn nicht erkannt, sondern an ihm getan, was sie wollten. Ebenso wird auch der Sohn des Menschen von ihnen leiden. Da verstanden die Jünger, dass er von Johannes dem Täufer zu ihnen sprach.“ (Matthäus 17,11-13)

Jesus scheint davon zu sprechen, dass Elia zweimal kommt. Das eine Kommen liegt in der Zukunft, um „alle Dinge wiederherzustellen“, das andere lag in der unmittelbaren Vergangenheit der Jünger und betraf Johannes den Täufer.

Schließlich spricht das Buch der Offenbarung von zwei Zeugen, die in den letzten Tagen erscheinen und einen besonderen Endzeit-Dienst haben werden. Dieser Dienst, der in Offenbarung 11,1-14 beschrieben wird, trägt die Kennzeichen von Elia und Mose. Sie werden als zwei Leuchter und zwei Ölbäume (V. 4) bezeichnet – eine Bildsprache, die die Gemeinde (Offenbarung 1,20) und in Römer 11,17ff den einen neuen Menschen, bestehend aus einem Ölbaum mit edlen und wilden Zweigen, symbolisiert. Doch sie können ebenso den Dienst einzigartiger Individuen, die in der Kraft des Elia in Jerusalem wirken werden, darstellen.

All die oben angeführten Textstellen deuten darauf hin, dass es in den letzten Tagen bevor Jesus wiederkommt einen Dienst geben wird, der das Volk auf das Kommen des Messias vorbereiten wird. Dieser Dienst wird heute ebenso sehr gebraucht wie zur Zeit der Könige Israels.

Die Tage des Elia

Als Elia in 1. Könige 17,1 seinen Dienst begann, hatte Israel den Höhepunkt der Gottlosigkeit erreicht. In vielerlei Hinsicht war es die schlimmste aller Zeiten – nicht wirtschaftlich oder politisch, sondern geistlich, in Bezug auf Israels Beziehung zu seinem Gott. In den Jahren, ehe Elia auftrat, war die zweite große Dynastie des nördlichen Königreichs Israel gerade begründet worden. Die vorangegangene Dynastie des Jerobeam kam nach vier Generationen zum Ende, weil sie taten, „was böse war in den Augen des HERRN“ (1. Könige 15,34 – ELB; 16,11ff). Nach einigen kurzlebigen Königreichen kam Omri, der Generalstabschef des Heeres, an die Macht und errichtete erneut ein stabiles Königtum für Israel. Die Bibel sagt über Omri, dass er „tat, was dem HERRN missfiel, und trieb es ärger als alle, die vor ihm gewesen waren“ (1. Könige 16,25).

Als Omri starb, ging die Königswürde auf seinen Sohn Ahab über, der ein neues Level der Bosheit erreichte und„tat, was böse war in den Augen des HERRN, mehr als alle, die vor ihm gewesen waren“ (1. Könige 16,30 – ELB). Er übertraf nicht nur die Rebellion seines Vaters, sondern ging auch eine verhängnisvolle Beziehung ein. Durch Heirat verband er sich mit dem Haus des Ethbaal oder Ithobal, wie er in den Geschichtsbüchern genannt wird, – einem führenden politischen und wirtschaftlichen Machtzentrum der Region. Dieser phönizische Klan herrschte über den Stadtstaat Tyrus und kontrollierte einen Großteil des mediterranen Handels. Einer der bekanntesten Handelsposten, den sie gründeten, war die antike Stadt Karthago. Ithobal hatte nicht nur das Königsamt inne, sondern war gleichzeitig der oberste Baals- und Astarte-Priester in seinem Königreich.

Ahab mag gedacht haben, dass sein Königreich finanziell und politisch profitieren würde, wenn er Isebel, die zügellose Tochter Ithobals, heiratete. Aber was wie ein großartiger politischer Schachzug aussah, öffnete die Tore der Hölle in Israel. Mit der Tochter des Priester-Königs und Schifffahrts-Magnaten zogen nicht nur am politischen Himmel Wolken auf, sie brachte auch eine Wolke der Bosheit und Gottlosigkeit mit, die Ahab nicht kontrollieren konnte. Isebel setzte in Israel 400 Priester für die heidnischen Götter Baal und Astarte ein, errichtete Heiligtümer für diese dämonischen Götter und verfolgte die Propheten des Gottes Israels. Israel befand sich in seiner dunkelsten Stunde.

Die alten Gebräuche des Gottes Israels gab es zwar noch, doch nun hatten sie starke Konkurrenz. Alte biblische Traditionen wurden verhöhnt und Grenzen aus alter Zeit überschritten. Ein Nutznießer von Ahabs gottloser Herrschaft war Hiel aus Bethel. Er missachtete die uralte Warnung von Josua, Jericho nicht wieder aufzubauen, und tat sie als dummes Gerede ab: „Verflucht sei vor dem HERRN, wer sich aufmacht und diese Stadt Jericho wieder aufbaut! Wenn er ihren Grund legt, das koste ihn seinen erstgeborenen Sohn, und wenn er ihre Tore setzt, das koste ihn seinen jüngsten Sohn!“ (Josua 6,26) Hiel aus Bethel war ein zweifacher Dummkopf, da er die Stadt für den Preis des Lebens seines ältesten und jüngsten Sohnes wieder aufbaute (1. Könige 16,34).

Der richtende Gott

Gemäß rabbinischer Tradition erschien Elia auf der Beerdigung von Hiels jüngstem Sohn. Er ging auf den König zu, der an der Beerdigung teilnahm, und forderte ihn heraus: Siehst du nicht, wie Gott die Worte seines Dieners Josua ehrt? Wie viel mehr wird er die Worte seines Dieners Mose wahr machen, der erklärte: „Wenn du aber nicht gehorchen wirst der Stimme des HERRN, deines Gottes, … Der Himmel, der über deinem Haupt ist, wird ehern werden und die Erde unter dir eisern.“ (5. Mose 28,15; 23ff) Der biblische Bericht fährt fort: „Und es sprach Elia, der Tischbiter, aus Tischbe in Gilead zu Ahab: So wahr der HERR, der Gott Israels, lebt, vor dem ich stehe: Es soll diese Jahre weder Tau noch Regen kommen, ich sage es denn.“ (1. Könige 17,1) Hier begann der Prophet plötzlich, wie aus dem Nichts, seinen Auftrag und verkündete das Gericht Gottes über Israel. Die folgende Dürre löste eine Zeit unvorstellbarer Not in Israel aus. Dreieinhalb Jahre lang sollte der Himmel wolkenlos bleiben und der Regen zurückgehalten werden. Elia floh vor dem Zorn Ahabs, erst an den Bach Krit und dann in die Stadt Sarepta nahe Sidon, und Gott versorgte ihn.

Heute können wir daraus lernen. Zuerst einmal müssen wir verstehen, dass die Gerichtsankündigung zu Beginn von Elias Dienst kein typisches Markenzeichen eines strengen, alttestamentlichen Gottes ist. Die Offenbarung stellt fest, dass zum Endzeit-Dienst der mysteriösen zwei Zeugen genau diese Autorität, der Menschheit den Regen vorzuenthalten, gehören wird (Offenbarung 11,6). Das sollte uns daran erinnern, dass der Gott, dem wir dienen, ein verzehrendes Feuer ist (Hebräer 12,29). Er ändert sich nicht, sondern ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit! Jesus selbst erklärte, dass jeder, der nicht Buße tut, dem Gericht Gottes verfällt (Lukas 13,2-5). Jesus warnte die Städte Kapernaum, Chorazin und Betsaida vor göttlichem Gericht, weil sie sich weigerten, Buße zu tun (Matthäus 11,20ff).

Als Petrus im Haus des Cornelius seine erste Predigt vor einer Versammlung von Nichtjuden hielt, machte er eine bemerkenswerte Aussage über Jesus: „Und er hat uns geboten, dem Volk zu predigen und zu bezeugen, dass er von Gott bestimmt ist zum Richter der Lebenden und der Toten. Von diesem bezeugen alle Propheten, dass durch seinen Namen alle, die an ihn glauben, Vergebung der Sünden empfangen sollen.“ (Apostelgeschichte 10,42f) Petrus erklärte, dass Jesus seine Jünger ausdrücklich lehrte, dass er, Jesus, sowohl Richter als auch Retter ist. Unsere säkulare Welt reagiert mit Spott auf die Auffassung, dass Jesus kam, um uns zu erlösen. „Uns erlösen?“, fragen sie, „Von was?“ Die zunehmend wohlhabenden Gesellschaften von heute, mit umfassender ärztlicher Versorgung und mehreren Renten-Fonds, denken nicht, dass sie errettet werden müssen. Sie glauben, es ohne die Einschränkungen einer altmodischen Religion besser zu haben.

Wie Gott handelt

Leider haben auch viele Christen vergessen, dass Jesus nicht nur gekommen ist, um uns ein freudigeres und bedeutsameres Leben zu geben, sondern um uns von dem kommenden Zorn zu retten (1. Thessalonicher 1,10). Wir haben vergessen, dass einem Menschen ohne Jesus nicht nur Trost und Frieden, die in Jesus gefunden werden, fehlen, nein, „der Zorn Gottes bleibt über ihm“ (Johannes 3,36). Sie sind der ewigen Verdammnis verfallen. Das Endgericht Gottes warf schon in den Tagen Elias seinen Schatten voraus. Dreieinhalb Jahre einer gottgesandten Dürre verdarben die Pläne des Wirtschaftswachstums für das Volk Israel. Gott richtete seine eigene, auserwählte Nation.

Allzu oft habe ich im letzten Jahr gehört, dass Gott das Coronavirus bestimmt nicht geschickt habe. Gott würde das nicht zulassen. Ich habe keine göttliche Offenbarung darüber, wer oder was den COVID-19-Ausbruch verursacht hat. Wir wissen aber genau, dass Gott die Dürre zur Zeit Elias bewirkte. Der Prophet Hosea appellierte an Israel: „Kommt und lasst uns zum HERRN umkehren! Denn er hat uns zerrissen und wird uns auch wieder heilen; er hat uns geschlagen und wird uns auch verbinden“ (Hosea 6,1 – ELB). Gegenüber der Gemeinde in Thyatira wies Jesus „diese Frau Isebel“ zurecht, die die Gemeinde mit ihrer Sittenlosigkeit unterwanderte: „Siehe, ich werfe sie aufs Krankenbett und die, welche Ehebruch mit ihr treiben, in große Bedrängnis, wenn sie nicht Buße tun von Isebels Werken.“ (Offenbarung 2,22)

Vielleicht gebraucht Gott diese Corona-Zeit tatsächlich, um uns zu sich zurückzuziehen, näher zu Jesus. Es ermutigt mich, dass das Gebet in unserer weltweiten ICEJ-Familie während der Corona-Pandemie stark zugenommen hat. Ein bekannter Pastor in Deutschland erzählte mir, dass er im letzten Jahr öfter als je zuvor gebeten wurde, über „die Furcht Gottes“ zu sprechen.

Israels Unglück

Als Ahab schließlich am Ende der Dürre auf Elia traf, grüßte er ihn: „Bist du es, der Israel ins Unglück stürzt?“ (1. Könige 18,17) In unserer postmodernen Welt, in der alles erlaubt ist, aber nichts absolut, ist derjenige, der an den heiligen Gott der Bibel glaubt, der moderne Unruhestifter. Ein Gott, der radikale Ansprüche an seine Jünger stellt, passt nicht mehr in eine Welt, die Absolutem trotzt und „Offenheit“, Vielfalt“ und „Inklusion“ feiert. Doch gerade in dieser Zeit muss die Stimme Elias wieder gehört werden.

Dienst in Vollmacht

Um das klarzustellen: Elia war nicht hauptsächlich dazu berufen, Gericht über Israel zu bringen, sondern das Herz seines Volkes wieder seinem Gott zuzuwenden. Elias Dienst (ebenso wie der seines Nachfolgers Elisa, auf dem der Geist des Elia ruhte) brachte eine der großartigsten Zeiten mit Zeichen und Wundern in Israel – später nur noch vom Messias selbst übertroffen. Elia und Elisa zeigten die übernatürliche Macht Gottes stärker als jeder andere Prophet vor und nach ihnen. Sie weckten Tote auf, heilten Kranke, beugten das Gesetz der Schwerkraft, bahnten einen trockenen Weg durch den Jordan, vermehrten Essen, schlugen die Feinde mit Blindheit und öffneten dem Volk Gottes die Augen. Es war eine einzigartige Zeit, in der sich Gott seinem Volk auf einmalige Weise offenbarte. Es war kein Dienst der „billigen Gnade“, im Gegenteil: Gott forderte sein Volk heraus, sich zu entscheiden, wem sie dienen wollten – dem Gott Israels oder Baal.

Jesus kündigte an, dass Elia kommen und „alle Dinge wiederherstellen“ werde. Ich glaube, bei diesen Worten dachte Jesus nicht an das Reich der Römer oder Babylonier, sondern an seine eigenen Leute, das Volk des Königreiches Gottes. Das bedeutet, dass wir auch mitten in stürmischen Zeiten erwarten dürfen, dass Gott seine Absichten mit Israel und der Gemeinde zum Ziel bringt.

Der Gott, vor dem ich stehe

Wir mögen uns fragen, was hinter der Kraft und dem Dienst des Elia steckte. Elia selbst erklärt es durch seine ersten Worte, die er an König Ahab richtete: „So wahr der HERR, der Gott Israels, lebt, vor dem ich stehe.“ Elia stand als ein Mann mit einer klaren Haltung vor Gott. Aus der Gegenwart Gottes erwuchs sein Dienst. Seine Worte wurden nicht von den theologischen Schulen seiner Tage geprägt, noch von bedeutenden Rednern – sie kamen direkt vom Thron Gottes, vor dem Elia stand. Hier sind wir alle herausgefordert. Auch in unserer Zeit brauchen wir Menschen, die vor Gott stehen, die der Aufforderung Jesu in Gethsemane nachkommen: „Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?“ (Matthäus 26,40) Wir müssen uns daran erinnern, dass alle großen Erweckungen durch Gebet geboren wurden. Die Azusa-Street-Erweckung wird mit dem betenden William Seymour in Verbindung gebracht, die Waliser Erweckung mit den Gebeten von Evan Roberts und durch die Gebete zweier älterer Frauen gab es die Erweckung auf den Hebriden.

Unsere Welt braucht heute dringend Menschen, die sagen können „So wahr der HERR lebt, vor dem ich stehe!“ In einer Zeit, da Millionen Babys auf dem Altar des Wohlstands geopfert, Familienwerte mit Füßen getreten und sowohl Israel als auch die Gemeinde marginalisiert werden, sind wir aufgefordert, Hoffnung zu haben. Während die Welt allem Anschein nach dunkler wird, ermutigt Jesus uns, dass er seine Gemeinde bauen wird. Und während wir unseren Stand vor ihm einnehmen, sollen die Tore der Hölle uns nicht überwältigen (Matthäus 16,18). Stattdessen möchte Jesus uns zu einem Dienst im Geist des Elia bevollmächtigen.

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