Von Habakuk lernen in stürmischen Zeiten zu leben

Von:  Dr. Jürgen Bühler, ICEJ-Präsident
Veröffentlicht am:  21. April 2021

Wir leben in wahrhaft herausfordernden Zeiten. Das Jahr 2021 hat mit weiteren beunruhigenden Nachrichten begonnen: neue Coronavirus-Mutationen, Berichte über Unternehmensinsolvenzen und besorgniserregende Bilder aus dem Kapitol in Washington in den USA. Die globale Pandemie trifft nicht nur unsere Wirtschaft, sie hat auch die Art und Weise verändert, wie wir als Gläubige Anbetung und Gemeinschaft leben. Auf der ganzen Welt droht eine postmoderne ‚Löschkultur‘ (Cancel Culture) vieles auszulöschen und zu zensieren, was unsere traditionellen jüdisch-christlichen Werte ausmacht.

Foto: ICEJ, Ein Wachtturm in YadHashmona, Symbolbild

Wo ist Gott?

Es sieht in der Tat so aus, als würde alles erschüttert werden, was erschüttert werden kann. Viele fragen: „Wo ist Gott in all dem? Warum werden unsere Gebete nicht erhört?“ Ich denke, das Buch Habakuk ist in unseren Tagen relevanter als je zuvor. Der Prophet Habakuk lebte in einer Zeit, in der er die Welt nicht mehr verstand – und noch wichtiger: Er verstand Gott nicht mehr. Ich ermutige Sie, beim Lesen dieses Artikels Ihre Bibel zur Hand zu nehmen und das ganze Buch Habakuk betend durchzulesen. Lassen Sie uns die drei Kapitel dieses Prophetenbuches durchgehen, mit dem sich heute, wie ich glaube, viele von uns identifizieren können.

Habakuks Krise

Das Buch Habakuk unterscheidet sich von anderen prophetischen Büchern der hebräischen Bibel. Der Prophet erhielt keine an Israel gerichtete Botschaft, sondern tritt als beunruhigter Gottesmann in einen sehr persönlichen Dialog mit seinem Schöpfer. Gleich zu Beginn bringt Habakuk seine Beschwerde vor Gott: „HERR, wie lange soll ich schreien, und du willst nicht hören?“ (Habakuk 1,2). Der Prophet kommt gleich zur Sache: „Herr, meine Gebete werden nicht beantwortet!“ Darüber hinaus hat er das Gefühl, dass Gott einfach zusieht, während sich Unrecht verbreitet und Streit und Konflikte überhandnehmen. Er beobachtet, wie das Volk Gottes und das Gesetz ohnmächtig sind (V.4) und an Einfluss im Land verlieren. Anstelle von Gerechtigkeit herrschen Unrecht und Gewalt.

Die Antwort Gottes (V.5-11) fiel definitiv nicht so aus, wie der Mann Gottes erwartet hatte: Habakuk sollte beobachten, was in Israel und den Nationen geschehen würde. „Denn siehe, ich will die Chaldäer [Babylonier] erwecken, ein grimmiges und schnelles Volk“ (V.6). Wohin sie kommen, werden sie Zerstörung bringen und Gefangene machen. Mit anderen Worten sagte Gott zu Habakuk: „Du glaubst, dass die Zeit jetzt schlimm ist? Warte ab, es wird noch schlimmer kommen… Doch ich bin in allem gegenwärtig.“ Tatsächlich sprach Gott: „Denn ich wirke ein Werk in euren Tagen – ihr glaubtet es nicht, wenn es erzählt würde.“ (V.5, ELB).

Der Mann Gottes

Treten wir einen Schritt zurück und betrachten, wer Habakuk genau war. Er war nicht der klassische Sonntags-Kirchgänger, der sich einmal pro Woche dazu aufraffte, in die Gemeinde zu gehen, um seine religiösen Pflichten zu erfüllen. Er war auch kein Nörgler, der sich darüber aufregte, dass seine Gebete nicht auf der Stelle erhört wurden. Vielmehr haben wir es hier mit einem der großen Gottesmänner aus alter Zeit zu tun. Habakuk zählt zu den wenigen Personen, deren Schriften in die Bibel aufgenommen wurden. Seine Erklärung „der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben“ (Habakuk 2,4) ist einer der am häufigsten zitierten alttestamentlichen Verse im Neuen Testament. Der Zeitgenosse Jeremias war ein Mann des Gebets und er hörte die Stimme Gottes wie sonst nur wenige in seiner Generation.

Dieser einzigartige Mann Gottes erlebte, dass seine Gebete nicht beantwortet wurden. Sein Ausruf, „wie lange soll ich schreien“ (Habakuk 1,2), entsprang der Verzweiflung des möglicherweise jahrelangen Gebets für Erweckung in Israel – und dennoch tat sich nichts. In unserer Zeit könnten sich viele treue Männer und Frauen Gottes in genau dieser Situation befinden: Seit Jahrzehnten hoffen und beten sie für eine weitere Erweckung. Doch tatsächlich liegen Erweckungen in westlichen Ländern wie in der Azusa-Street, in Wales, in England unter John Wesley oder die pietistischen Erweckungsbewegungen schon lange zurück. „Wie lange“ könnte auch heute der Ausruf vieler Christen sein.

Die Propheten

Gottes Antwort an den Propheten ist sogar noch verwirrender: „Du würdest es nicht glauben, wenn ich es dir erzählte!“ Ich erinnere mich, dass vor Kurzem eine Prophetin unserer Zeit gefragt wurde: „Wo waren die Propheten, die die aktuelle globale Pandemie voraussahen?“ Die Frau antwortete ehrlich: „Höchstwahrscheinlich hätte ich es nicht geglaubt, wenn Gott mir von einer kommenden weltweiten Pandemie erzählt hätte.“ Ihre Ehrlichkeit war erfrischend.

Viele Menschen stellen heute die Rolle der Propheten infrage, insbesondere seit den jüngsten US-Wahlen, als viele prophetische Stimmen einen Wahlsieg und eine zweite Amtszeit Donald Trumps voraussahen. Wie Habakuk hätten auch sie sehr wahrscheinlich nicht geglaubt, dass ihre geliebte Nation eine so dramatische Wende erleben würde. Es ist leicht, im Nachhinein über sie zu urteilen. Doch ich kenne viele von ihnen persönlich und weiß, dass sie (wie Habakuk) vor allem auf Erweckung in den USA hofften, dass Israel und christliche Werte gestärkt würden – nicht nur in Amerika, sondern auch in anderen Nationen.

Wendepunkt

Gottes Antwort beunruhigte Habakuk noch mehr. Die heidnischen Babylonier sollten Gottes Volk richten dürfen? Das erschütterte den Propheten tief. Er fragte: „Warum siehst du dann aber den Treulosen zu und schweigst, wenn der Gottlose den verschlingt, der gerechter ist als er?“ (Habakuk 1,13). Doch dann traf Habakuk eine Entscheidung, die zur Wende für ihn, für seine Perspektive und den Ton seiner gesamten Botschaft wurde.

Der Wachtturm

In diesem Moment erkannte Habakuk, dass er dringend von Gott hören musste. Er begriff, dass alte Muster und Konzepte nicht mehr funktionierten. Sein Fokus änderte sich: Anstatt Gott zu fragen, hörte er ihm zu. Gott spricht auch heute noch, doch vielleicht müssen wir unsere Herzen neu ausrichten, um von dem Neuen, das er heute in der Welt tut, zu hören. Erinnern wir uns, dass die Bibel an vielen Stellen schwere Zeiten für diese Welt voraussagt. Gesetzlosigkeit wird zunehmen, Gott wird die Welt durch Erdbeben, Kriege und sogar Seuchen richten und ja, schließlich wird es einen weltweit koordinierten Krieg gegen die Heiligen geben. Ich weiß nicht, was kommt, aber könnte es sein, dass eine neue Zeit anbricht, in der es für die westliche Kirche noch schwerer wird? Doch wenn wir uns Gott nähern und sein Angesicht suchen, verspricht er, sich uns zu nahen und auf unser Flehen zu antworten!

Anstatt zu beten, was er immer betete, ging Habakuk auf seinen Wachtturm, um göttliche Einsicht für seine Zeit zu empfangen. Wir müssen einsehen, dass viele der Veränderungen des Jahres 2020 nicht wieder rückgängig gemacht werden. Was in der Vergangenheit funktioniert hat, mag heute oder morgen so nicht mehr funktionieren. In dieser Zeit sind wir alle aufgerufen, auf unseren persönlichen Wachtturm zu steigen, um zu beten und den Herrn zu suchen wie nie zuvor. Wir müssen das neue Wirken Gottes erkennen.

Der Leuchtturm

Als Habakuk zuhörte, sprach Gott zu ihm! Was Gott ihm Neues offenbarte, änderte die Perspektive des Propheten. Gott änderte seine Absichten nicht, ließ aber den Propheten die Welt mit seinen Augen sehen. Der Herr wies ihn an, genau aufzuschreiben, was er ihm sagen würde, sodass andere es nachlesen könnten (Habakuk 2,2). Gott gab ihm nicht nur eine Antwort auf seine eigenen Fragen. Was er hörte, sollte auch anderen im Laufe der Zeiten helfen.

Habakuks Wachtturm des Gebets wurde zum Leuchtturm der Weisung für andere. Gott gebrauchte ihn in stürmischen Zeiten, um wie die Söhne Issachars zu sein (1. Chronik 12,33). Dieser einzigartige Stamm erkannte die Zeiten, in denen Israel lebte, und wusste, was zu tun war. Deshalb folgte das Volk seiner Führung. Auch heute sucht Gott solche Leuchtturm-Personen, die in diesen stürmischen Zeiten Hoffnung und Richtungsweisung geben können.

Aus Glauben leben

Gleichzeitig bestätigte Gott Habakuk seine unerschütterlichen Absichten: „Die Weissagung wird ja noch erfüllt werden zu ihrer Zeit und wird endlich frei an den Tag kommen und nicht trügen. Wenn sie sich auch hinzieht, so harre ihrer; sie wird gewiss kommen und nicht ausbleiben. […] der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben“ (Habakuk 2,3-4). Gott sagte, dass Erschütterungen gewiss kommen werden, doch der Gerechte soll aus Glauben leben! In diesen bedrückenden Zeiten sollten wir uns nach dem ausstrecken, was am dringendsten benötigt wird: Glaube. Erlauben Sie der Verwirrung und den Herausforderungen unserer Zeit nicht, Ihren Glauben zu rauben. Trotz all des Chaos um uns herum sitzt Gott auf seinem Thron. Diese Vision hatte Jesaja, als einer der größten Könige Israels einen tragischen Tod starb. Er sah den Herrn auf seinem Thron sitzen und der Saum seines Gewandes füllte den Tempel (Jesaja 6,1).

Der Prophet Daniel formulierte es so: Als er mit dem Tod konfrontiert war und alle babylonischen Weisen und Magier am Ende ihrer Weisheit waren, erklärte Daniel glaubensvoll „Aber es ist ein Gott im Himmel!“ (Daniel 2,28). Das bedeutet, dass es inmitten von Verwirrung, wirtschaftlicher Not und all unseren unbeantworteten Fragen unser Glaube an Jesus Christus ist, der uns durchtragen wird. Der Gerechte wird aus Glauben leben!

Gott wirkt noch immer!

Schließlich versicherte Gott Habakuk, was dieser nicht mehr glauben konnte. Inmitten des Gerichts und Chaos bringt Gott seinen Erlösungsplan für die Menschheit mit Hochdruck voran. Wie ein heller Lichtstrahl die Dunkelheit durchbricht, verkündet er: „Denn die Erde wird voll werden von Erkenntnis der Ehre des HERRN, wie Wasser das Meer bedeckt“ (Habakuk 2,14). Das ist nicht nur eine theologische oder prophetische Aussage für die Zukunft, sondern eine Einladung Gottes, eine aktive Rolle in seinem Erlösungsplan einzunehmen. Das Coronavirus oder eine neue US-Regierung werden und können Gottes Absichten nicht aufhalten!

Wiedergefundener Glaube

Die erste Reaktion des Propheten bestand darin, den Willen des Herrn anzunehmen. „Herr, ich habe die Kunde von dir gehört“ (Habakuk 3,2). Obwohl es ihm immer noch nicht gefiel und er von Furcht und Zittern erfüllt war (V.16), konnte er erkennen, dass Gott am Wirken war. Er sah Seuchen und Pandemien Gottes Schritten folgen (V.5) und dass Höhen erschüttert wurden, als der Herr die Erde heimsuchte. Doch Habakuk begriff, dass Gott nicht kam, um sein Volk zu vertilgen, sondern auf einem Streitwagen der Errettung (V.8) auszog, um „deinem Volk zu helfen, zu helfen deinem Gesalbten“ (V.13).

Es sollte uns zu denken geben, dass sich die größten Erweckungen der letzten Jahrzehnte nicht in westlichen Demokratien mit freier Marktwirtschaft ereigneten, sondern in immer noch gegen Armut kämpfenden Entwicklungsländern in Lateinamerika und Afrika, an Orten wie China oder dem Iran und zuletzt auch in der turbulenten arabischen Welt.

Bei einem unserer wöchentlichen globalen Online-Gebetstreffen hörten wir kürzlich ein großartiges Zeugnis von unserem philippinischen Zweigstellenleiter, Pastor Stephen Mirpuri. Im November und Dezember letzten Jahres beteten wir für seine Region, nachdem sie von einem Taifun verwüstet worden war. Ganze Dörfer standen komplett unter Wasser. Viele Menschen verloren alles. Doch Pastor Mirpuri berichtete, dass eine Erweckung in dieser schwer getroffenen Region ausbrach und allein in seinen Gemeinden mehr als 3.000 Menschen Jesus als ihren Herrn und Retter annahmen.

Gottes Wege sind tatsächlich unergründlich. Doch er ist am Wirken! Somit erhielt Habakuk einen göttlich gewirkten Glauben inmitten seiner herausfordernden Zeit. Sein Hunger nach Erweckung in Israel wurde nicht gestillt, sondern sogar verstärkt. „HERR, ich habe die Kunde von dir gehört, ich habe dein Werk gesehen, HERR! Mache es [wieder] lebendig in naher Zeit, und lass es kundwerden in naher Zeit. Im Zorne denke an Barmherzigkeit!“ (Habakuk 3,2). Vielleicht liegt die beste Zeit für die westliche Kirche noch vor uns. Gottes Werk ist nicht von irgendwelchen irdischen Regierungen abhängig. Lassen Sie uns inmitten der Pandemie und großen politischen Umbruchs in das Gebet Habakuks einstimmen: „Herr, erneuere dein Werk und im Zorn denke an Barmherzigkeit!“


Diese Haltung Habakuks unterscheidet sich von seinen scheinbar gerechtfertigten Beschwerden zu Beginn des Buchs. So konnte er eines der tiefgründigsten Glaubensbekenntnisse der Bibel formulieren: „Denn der Feigenbaum grünt nicht, und es ist kein Gewächs an den Weinstöcken. Der Ertrag des Ölbaums bleibt aus, und die Äcker bringen keine Nahrung; Schafe sind aus den Hürden gerissen, und in den Ställen sind keine Rinder. Aber ich will mich freuen des HERRN und fröhlich sein in Gott, meinem Heil“ (Habakuk 3,17-18).

Sein Glaube und seine Freude waren nicht mehr von äußeren Umständen abhängig, weil er sah, dass der Herr in Kontrolle war! Verzweifeln Sie nicht an Ihren eigenen Enttäuschungen, Mangel an Verständnis oder gar wankendem Glauben. Denken Sie daran, dass selbst ein großer Mann Gottes wie Habakuk mit den Ereignissen seiner Tage zu kämpfen hatte. Dieses Buch eines ringenden Propheten lädt uns ein, unser Anliegen mit Flehen vor den Herrn zu bringen – er wird gewiss antworten!

Göttliche Befähigung

Zum Schluss macht Habakuk eine weitere eindrückliche Aussage: „Denn der HERR ist meine Kraft, er hat meine Füße wie Hirschfüße gemacht und führt mich über die Höhen“ (Habakuk 3,19). Das Chaos und die Erschütterungen wurden für Habakuk zu einem Siegesschauplatz. Gott stärkte ihn mit seiner Kraft, gab ihm „Füße wie Hirschfüße“ und führte ihn „über die Höhen“.

Ohne Zweifel leben wir in komplexen und schwierigen Zeiten. Als ich den Vers las, wurde ich an eine Dokumentation über Bergziegen erinnert. Mit spielerischer Leichtigkeit bewegen sie sich im höchstgelegenen und unwegsamsten Gelände der Rocky Mountains. Diese übernatürliche Gabe verspricht Gott auch uns. Mit ihm können wir durch die neuen Realitäten der Corona-Krise, kommende wirtschaftliche Schwierigkeiten oder eine neue Regierung, die uns nicht zusagt, navigieren. Dazu wird er uns nicht nur seine Strategien schenken, sondern uns auch göttlich befähigen.

Vergessen Sie nicht: Wenn wir auf unserem Wachtturm sind, macht der Herr ihn vielleicht zu einem Leuchtturm für andere. Und was am allerwichtigsten ist: Vertrauen Sie weiterhin dem Herrn, denn „der Gerechte wird aus Glauben leben!“